Amnesty International Gruppe 1062 (Köln Ehrenfeld)

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Liao Yiwu

14.10.2012
Liao Yiwu in der Paulskirche

Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhan­dels am 14. Oktober hielt der im Exil in Deutschland lebende chinesi­sche Schriftsteller eine Rede, die es in sich hatte. Auf Deutsch forderte er: "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen!"

Unsere Wahrnehmung des modernen China
Bei der Preisverleihung würdigte die Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg in ihrer Laudatio nicht nur das literarische Werk Liao Yiwus, sondern auch seinen Einsatz für die Menschenrechte. Liao werfe einen "ernüchternden, ja verstörenden Blick hinter die Fassade des großen Landes": "Der Kontrast zwischen dem Alltag der untersten Gesellschaftsschichten und unserer Wahrnehmung des modernen China könnte nicht größer sein." Er betreibe durch eine "Poetik der Wahrhaftigkeit" einen "Widerstand aus dem Gedächtnis heraus". Mit den Opfern des 4. Juni teile er "die Angst davor, vergessen zu werden, umsonst gelebt und gelitten zu haben". Mit seiner Sammlung von Einzelschicksalen gelinge es Yiwu, "die Würde der Betroffenen wiederherzustellen, "der Unzähligen, die Chinas Machthaber auf der 'Müllhalde' der Geschichte unbemerkt entsorgen wollten".

"Die Tyrannei geht auf hohem Niveau weiter"
Liao Yiwu führte in seiner Rede die Greueltaten des Regimes der letzten 50 Jahre vor Augen und plädierte für eine "Tradition des Erinnerns", bevor er auf die nach wie vor prekäre Menschenrechtslage in China aufmerksam machte: "Menschen morden. Das war die Methode, um das Fundament des neuen Staates zu legen. Darüber herrschte eine stillschweigende Übereinkunft von Mao Tsetung bis Deng Xiaoping. [...] Ich will auf Chinesisch, auf Englisch oder Deutsch meine Aufzeichnungen über die Opfer des Massakers mit der Menschheit teilen; und auch meine Überlegungen bezüglich des Auseinanderbrechens des chinesischen Reiches. Ich weiß nicht, wie viele Jahre es noch dauern wird, bis ich in das Land meiner geliebten Urväter zurückkehren kann. [...] Nach dem Tiananmen-Massaker setzte sich die blutige Unterdrückung fort, gegen die Angehörigen der Opfer des Massakers, gegen Qigong-Gruppen, Falun-Gong, die Demokratische Liga Chinas, Beschwerdeführer, enteignete Bauern, Arbeitslose, Anwälte, Untergrundkirchen, Dissidenten, die Opfer des Erdbebens von Sichuan, die Unterzeichner der Charta 08, die Anhänger der Jasminrevolution, Tibeter, Uiguren und Mongolen – die Fälle häufen sich und die Tyrannei geht auf hohem Niveau weiter. [...] Warum müssen sich Tibeter heutzutage immer wieder öffentlich verbrennen? Könnte Tibet einfach ein freies Land sein, das Grenzen mit Sichuan und Yunan teilt, und nicht von einer fernen Diktatur in Peking unterdrückt wird, dann würde niemand aus diesem lebensfrohen Volk des Hochplateaus je einen Grund haben, sich ein solches Leid anzutun."

"...den Henkern die Hand schütteln und mit ihnen Geschäfte machen"
Zudem prangerte Yiwu das von Profitgier bestimmte Verhalten der westlichen Regierungen gegenüber China an: "Weltweit ist man der Ansicht, der wirtschaftliche Aufschwung Chinas werde zwangsläufig politische Reformen nach sich ziehen und aus einer Diktatur eine Demokratie machen. Deshalb wollen jetzt all die Staaten, die dereinst wegen des Tiananmen-Massakers (vom 4. Juni 1989) Sanktionen gegen China verhängten, die ersten sein, die den Henkern die Hand schütteln und mit ihnen Geschäfte machen. Obwohl dieselben Henker noch immer Menschen inhaftieren und umbringen, immer neue Blutflecken zu den alten hinzukommen und neue Gräueltaten die alten armselig aussehen lassen. Die einfachen Leute, die zwischen Blut und Grausamkeit ihr Dasein fristen müssen, verlieren dabei auch noch den letzten Rest Anstand. [...] Unter dem Deckmantel des freien Handels machen westliche Konsortien mit den Henkern gemeinsame Sache, häufen Dreck an. Der Einfluss dieses Wertesystems des Drecks, das den Profit über alles stellt, nimmt weltweit überhand."

Mit folgenden Worten ließ Yiwu seine Rede ausklingen: "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen, für den Frieden und die Seelenruhe der ganzen Menschheit – und für die Mütter aus dem Tiananmen, für die ich das folgende Lied geschrieben habe."

  • Das auf deutsch erschienene Buch von Liao Yiwu, "Die Kugel und das Opium. Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens", ist in der Ausgabe Dezember 2012 des Amnesty Journal vorgestellt worden.
  • Lesen Sie auch das Protestgedicht "Massaker", das Liao Yiwu zusammen mit dem britischen Sinologen Michael Day unmittelbar nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 verfasste.